Schmerzempfindung bei unseren Haustieren

Schmerz zu empfinden, ist kein Vorrecht des Menschen!

Wir wissen heute, dass unsere Vierbeiner ein ganz ähnliches Schmerzempfinden haben wie wir. Doch sind Tiere weitaus leidensfähiger, sie leiden oft stumm, können ihren Schmerz nicht in Worte fassen und zeigen oft nur durch Verhaltensänderungen, dass es ihnen nicht gut geht und sie Schmerzen haben. Dies führt leider dazu, dass wir Schmerzen bei unseren Haustieren oft viel zu spät realisieren oder ihr Schmerzverhalten falsch interpretieren. Umso wichtiger ist es, sein Tier zu kennen, es regelmäßig zu beobachten und aus Verhaltensänderungen die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Was bedeutet Schmerz?
Schmerz ist die Meldung, dass den Körper im Innern oder von außen ein Schaden trifft. Schmerzen können aus den Eingeweiden, aus der „Tiefe“ (z.B. Kopfschmerz) oder von der Haut gemeldet werden. Beim zuletzt genannten Oberflächenschmerz unterscheidet man den schnell gemeldeten, ersten Schmerz („hell“) und den nachfolgenden, zweiten Schmerz („dumpf“), der länger anhält. Der erste Schmerz führt vorwiegend zu Fluchtreflexen, der zweite eher zur Schonhaltung. Schmerzrezeptoren verlieren ihre Wirkung nicht (tagelange Zahnschmerzen!), da ein andauernder Schaden sonst in Vergessenheit geriete. Der plötzliche Schmerzschrei eines Tieres dient darüber hinaus auch als Hilfe- und Warnruf für die Artgenossen.

Wie entstehen Schmerzen
Schmerzen sind eine lebenswichtige Sinneswahrnehmung. Sie treten immer dann auf, wenn mechanische (Reibung, Druck, Fremdkörper), thermische (Hitze, Kälte), chemische (Säure, Base) oder elektrische Reize (Stromschlag) einen Schwellenwert überschreiten, es kommt zu einer Gewebeschädigung mit Freisetzung sogenannter Schmerzmediatoren und damit zur Auslösung von Schmerzimpulsen. Schmerzen entstehen also dann, wenn dem Organismus ein Schaden zugefügt wird, und sie stellen somit eine biologische Warnfunktion des Körpers dar – sie haben Schutzfunktion.

Schmerzarten
„Den Schmerz“ als solches gibt es nicht, denn Schmerzen werden immer subjektiv empfunden und sind auch abhängig von der persönlichen Schmerzempfindung. Anhand verschiedener Kriterien wie Ursache und Störung, aber auch Entstehungsort und Dauer kann eine Schmerzeinteilung vorgenommen werden.

Akuter und chronischer Schmerz
Diese Unterteilung orientiert sich hauptsächlich an der Dauer der Schmerzen.
Der akute Schmerz ist meist die Folge einer akuten Erkrankung oder Verletzung (z.B. Schnitt in den Finger). Er dient als Warnsignal, um den Körper vor weitergehenden Schäden zu schützen. Schmerzen „stellen“ die betroffene Region so lange „ruhig“, bis die Heilung erfolgen konnte (Schutzreaktion). Akute Schmerzen sind in der Regel also sinnvoll, da sie zur Lebenserhaltung dienen. Hier ist die Schmerzdauer begrenzt, die Symptome klingen nach Beseitigung der auslösenden Schädigung schnell ab. Der akute Schmerz ist in der Regel gut lokalisierbar und in seinem Ausmaß von der Reizintensität abhängig.
Chronische Schmerzen dauern hingegen länger als die Heilungszeit an, so dass ihre Warn- und Schutzfunktion verloren geht. Hier hat der Schmerz keine sinnvolle Aufgabe mehr. Es kommt zum Dauerschmerz (z. B. Arthrose, Tumorschmerz). Durch einen ständigen Schmerzreiz steigt die Empfindlichkeit der Nerven, Neuronen senden ohne Reiz, Rezeptoren der Zellmembran erhöhen die Empfindlichkeit und die Projektzone im Gehirn nimmt zu. Es entsteht eine eigenständige Erkrankung.

Somatische und viszerale Schmerzen
Neben der Dauer ist auch der Entstehungsort des Schmerzes ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung und Behandlung.
Von somatischen Schmerzen spricht man, wenn die Schmerzempfindungen von Haut, Muskeln, Gelenken, Knochen oder dem Bindegewebe ausgehen.
Der viszerale, also Eingeweideschmerz tritt hingegen u.a. bei der Dehnung der Bauchorgane, Spasmen der glatten Muskulatur, Mangeldurchblutung und entzündlichen Erkrankungen auf.

So herrlich relaxed schmusen kann man nur ohne Schmerzen!

Neuropathische Schmerzen
Der neuropathische Schmerz ist auf Schädigungen des Nervensystems zurückzuführen, wie z.B. durch Amputation, Querschnittslähmung oder Virusinfektionen.

Das Problem der Schmerzerkennung
In vielen Fällen ist es schwierig, Schmerzen beim Tier überhaupt zu erkennen, denn Schmerzen nicht zu zeigen, gehört zum natürlichen Schutzmechanismus von Tieren – ein Tier mit Handicap hat in der Natur keine Chance. Darüber hinaus entwickeln sich chronische Schmerzen meist langsam über einen längeren Zeitraum. Die so auch langsam und nur nach und nach auftretenden Verhaltensänderungen werden oft gar nicht klar erkannt oder das fortschreitende Alter des Tieres dafür verantwortlich gemacht - „er ist halt schon alt“.

Prinzipiell gilt daher: Jede Abweichung vom normalen Verhalten kann ein Anzeichen für Schmerzen sein!
Mögliche Schmerzanzeichen:
• Tier zieht sich zurück, verkriecht sich, sucht Verstecke auf
• will nicht spielen, hat kein Interesse am Gassigehen
• reagiert aggressiv: knurrt, faucht, beißt plötzlich zu
• will nicht gestreichelt werden
• frisst schlecht
• versteht sich plötzlich nicht mehr mit seinen Gefährten, wird aus der Gruppe ausgeschlossen
• Treppen, erhöhte Liegeplätze o.ä. werden gemieden
• die Fellpflege vernachlässigt
• Gangbild und Körperhaltung verändern sich (z.B. schleppender oder steifer Gang, aufgekrümmter Rücken, ständiges Verharren in Kauerstellung)
• bei starken Schmerzen: erweiterte Pupillen, hechelnde Atmung, erhöhte Pulsfrequenz

Schmerzanzeichen sind individuell sehr verschieden und von unterschiedlichen Faktoren abhängig – z.B. Tierart, Alter, Geschlecht, Rasse, Art und Lokalisation der Erkrankung. Bei Heimtieren (z.B. Kaninchen, Meerschweinchen, Ratte, Maus, Chinchilla, Degu, Hamster), Vögeln, Reptilien und Amphibien ist das Feststellen von Schmerzen besonders schwierig. Um Schmerzen bzw. unspezifische Verhaltensänderungen trotzdem zu erkennen, sind die Beobachtungen von Ihnen als Tierhalter so wichtig.

Aggressiv durch Schmerz – Wenn unsere Vierbeiner plötzlich „böse“ werden
Der bekannte Schmerzexperte Robert R. Paddleford hat es treffend formuliert: „Pain kills“ – „Schmerz tötet“. Während leichte Schmerzen noch „nur“ ein leichtes Unbehagen auslösen und das Allgemeinbefinden beeinträchtigen, können starke und andauernde Schmerzen zu deutlichen Verhaltensänderungen führen. Beim Menschen z.B. können starke chronische Schmerzen derartige Persönlichkeitsveränderungen auslösen, dass sie sich schlimmstenfalls in Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken äußern.
Bei unseren Haustieren zeigen sich typische Verhaltensänderungen oft in Form von häufiger Unruhe, auffallender Bewegungsunlust und Appetitmangel - während sich manche Tiere zurückziehen, reagieren andere plötzlich aggressiv. Solche schmerzbedingten Aggressionen kann man als „Notwehrreaktion“ des Vierbeiners ansehen. Er möchte sich vor noch mehr Schmerz schützen, kann es uns aber leider nicht anders sagen. Wie schön wäre es für uns zu hören: „Herrchen, ich habe es so im Rücken, dass ich mich kaum bewegen kann.“ oder „Frauchen, meine Kopfschmerzen bringen mich um“ oder „Wenn Du mich beim Kämmen dort anfasst, könnte ich schreien“.

Der Schmerzursache auf den Grund gehen
Schmerzen sind etwas Schreckliches – sollte Ihr Tier daher ein in diese Richtung auffallendes Verhalten zeigen, stellen Sie es bitte umgehend bei Ihrem Tierarzt vor, damit eine exakte Diagnose gestellt werden kann. Viele hochgradig schmerzhaften Erkrankungen sind „von außen“ schwer zu erkennen. Aber dank dem heutigen Stand von Wissenschaft und Forschung stehen auch in der Tiermedizin weitreichende diagnostische Möglichkeiten wie z.B. Röntgen, Ultraschall, Computertomographie (CT), Kernspin- bzw. Magnetresonanztomographie (MRT) zur Verfügung. Hinzu kommen schmerz- und entzündungshemmende Medikamente der neusten Generation, die eine effektive und sichere Schmerztherapie zulassen. So stehen neue Wege offen, die Ursache von Schmerzen zu erkennen und zu behandeln – mit dem Ziel der völligen Schmerzfreiheit.

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