Palliative medizin und sterbebegleitung in der tierarztpraxis

Die meisten Menschen versuchen, den Gedanken an die Endlichkeit des Lebens so weit wie möglich von sich fernzuhalten. Umso unvorbereiteter trifft sie dann die Situationen, in der das nicht mehr geht. Was gibt es Schlimmeres für einen Tierbesitzer, als zu hören, dass sein Tier unheilbar krank ist?! Besonders tragisch ist dies, wenn es dem vierbeinigen Freund eigentlich noch gut geht und die Diagnose unverhofft kommt. Befindet sich das geliebte Tier bereits in einem Leidenszustand, kann man sich deutlich leichter mit „dem Ende“ beschäftigen.
Dabei heißt tödliche Erkrankung nicht, dass es keine Behandlungsmöglichkeiten mehr gibt. Sicher, es gibt keine Hoffnung auf Heilung – aber man kann durchaus etwas tun, um die Lebensqualität des Tieres so lange wie möglich hoch zu halten. In der Zeit zwischen der Diagnose einer tödlichen Erkrankung und dem Tod verdient jedes Tier eine sogenannte palliative Behandlung und sanfte Sterbebegleitung.


Die 1918 geborene englische Ärztin Cicely Saunders gilt als die Begründerin der modernen Palliativmedizin. Ihre Aussage: "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.", fasst ziemlich gut zusammen, um was es in diesem Konzept der Krankheitsbegleitung geht - „palliativ“ von lateinisch „palliare“ = „mit einem Mantel umhüllen“, „bemänteln“, „schützen“.


Ist ein Leiden so weit fortgeschritten, dass das Lebensende näher rückt, setzt die Palliativmedizin ein. Bei ihr stehen nicht mehr Heilung und Lebensverlängerung im Vordergrund, sondern der Erhalt von Lebensqualität, Schmerzlinderung, die Beseitigung anderer Beschwerden sowie Zuwendung und Nähe. Den Patienten „in einen Mantel voll Wärme, Zuneigung und Liebe hüllen“, in dem er vor Schmerzen und Leid geschützt ist!

Tiere wissen intuitiv, wann ihre Zeit gekommen ist - der Lauf des Lebens! 


Palliative Betreuung in der Tiermedizin
Auch bei der tierärztlichen Palliativmedizin steht das Wohlbefinden des Patienten im Fokus. Einfühlsame Behandlung und liebevolle Betreuung sind das Ziel! Palliative Betreuung erfordert ein enges Zusammenwirken von Ihnen als Tierhalter und uns als Tierärzten für und mit dem kranken Tier. Dabei sollte das Ziel niemals eine Verlängerung des Leidens sein, sondern vielmehr die Sicherung des Wohlbefindens und die Vermeidung jeder Qual. Ein lebenswertes Leben so lange wie möglich zu leben – bis der Tod eintritt oder eine erlösendes Einschläfern notwendig wird.

Welche Symptome werden behandelt?
Die palliative Behandlung zielt auf die Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit schweren Erkrankungen, wie metastasierten Krebserkrankungen, aber auch Herzinsuffizienz, Nierenversagen bis hin zur allgemeinen Altersschwäche ab. Zentraler Bestandteil einer Palliativtherapie ist die Kontrolle und Linderung von für das Tier belastenden Symptomen. Zu den häufigsten Symptomen gehören Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Angst, Schwäche und Appetitmangel. Die Palliativmedizin umfasst immer die ganzheitliche Versorgung des Patienten, um Leiden effektiv lindern zu können.

Fühlt sich mein krankes Tier noch wohl?
Kann ich erkennen, wenn mein geliebter Vierbeiner leidet? Diese Fragen belasten Tierbesitzer enorm. Da unsere Tiere uns leider nicht mit Worten sagen können, was ihnen fehlt, ist genaues Beobachten so wichtig! Atemnot, Erbrechen und Appetitmangel z.B. sind leicht zu erkennen, bei Symptomen wie Übelkeit oder gar chronischen Schmerzen wird es schon schwieriger. Notieren Sie daher jeder Verhaltensauffälligkeit oder Wesensveränderung, die Ihr kranker Schatz zeigt – zusammen mit Ihrem Tierarzt können diese wichtigen Werte dann richtig und objektiv eingeordnet werden. Wir zeigen Ihnen, wichtige Hinweise zu erkennen, um Ihrem Tier bestmöglich helfen zu können.

Krebskrank und altersschwach - aber bis zum Schluss eine so liebenswerte Persönlichkeit! 


Palliative Medizin im eigenen Zuhause
Palliative Medizin kann nicht nur im eigenen Zuhause ausgeführt werden, sie sollte es auch, so weit es möglich ist. Mit der Unterstützung Ihres Tierarztes können Sie als Tierhalter viele wichtige Behandlungen und Pflegemaßnahmen erlernen und selbständig in den eigenen vier Wänden durchführen – z.B. chronische Wunden sauber halten und pflegen, Wärmeanwendungen, entspannende Massagen, physiotherapeutische Übungen und Medikamentengabe. Gerne zeigen und üben wir notwendigen Maßnahmen mit Ihnen gemeinsam, bis Sie sich sicher fühlen, diese Zuhause selbst durchzuführen.

Hilfsmittel
Der Zoofachhandel weiß zum Glück um die Bedürfnisse von alten und kranken Tieren. So werden dort beispielsweise spezielle Hundebetten angeboten, die Druckstellen vom vielen Liegen vermeiden können. Erhöhte Futter- und Wassernäpfe erleichtern das Fressen und vermeiden Schmerzen durch orthopädische Probleme. Kleine Treppen vor dem Sofa, Rampen als Einstiegshilfe fürs Auto, rutschfester Boden, Stoffschlingen oder Geschirre bzw. Körperwesten mit Griff ermöglichen unseren Vierbeinern, Hindernisse zu überwinden oder sich beim Gehen helfen zu lassen. Selbst sogenannte Rollwagen als Rollstuhl für Hund oder Katze sind erhältlich und werden von den Tieren in der Regel problemlos als Gehilfe angenommen. Dies sind nur einige Beispiele, wie palliative Betreuung auch im eigenen Zuhause umgesetzt werden kann. Für viele Lebensumstände gibt es eine Lösung!

Kontrollbesuche in der Tierarztpraxis
Natürlich lässt sich durch all diese Maßnahmen sicherlich nicht jeder Besuch in der Tierarztpraxis vermeiden. Aber dank moderner Technik können Bilder oder Videos vom Patienten bequem per Smartphone an den Tierarzt übermittelt werden, so dass sich dieser auch auf diesem Weg ein gutes Bild machen kann, was für die weitere Vorgehensweise wichtig ist. Auch können Verlaufskontrollen per Telefon erfolgen. Zusätzlich bieten viele Tierärzte Hausbesuche an, um auch auf diesem Weg eine liebevolle Sterbebegleitung zu ermöglichen und dem Vierbeiner in seiner gewohnten Umgebung zu helfen. Ist dann doch ein Besuch in der Tierarztpraxis unerlässlich, wird Ihr Tier merken, dass man ihm nur helfen will.

Auch Alte und Kranke können das Leben noch genießen! 


Wenn „das Ende“ naht
Zwischen einer schweren Diagnose und der Notwendigkeit einer Euthanasie besteht immer eine gewisse Zeit. Sie kann sehr kurz sein, aber auch noch Wochen oder gar Monate andauern. In dieser Zeit ist besonders die Angst vor einem qualvollen Sterben für viele Tierbesitzer sehr belastend. Doch kein Tier muss – und soll auch nicht – unnötige Schmerzen oder Leiden erdulden. Im Gegensatz zum Humanmediziner ist es uns Tierärzten erlaubt, dem Leiden aktiv ein Ende zu setzen. In den wenigsten Fällen sterben unsere vierbeinigen Partner von alleine – auch wenn sich das die meisten von uns so sehr wünschen. Wie oft bekomme ich in der Praxis zu hören: „Ach, wenn er doch morgen früh tot in seinem Körbchen liegen würde!“. Sicher wäre das schön – und man käme um die Entscheidung herum, wann der „richtige Zeitpunkt“ ist. Aber seien Sie sicher, je enger die Bindung zu Ihrem Tier ist, desto genauer werden Sie spüren, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist. Und dann haben Sie beim Tier die Möglichkeit ihm den letzten, wenn auch so schweren Freundschaftsdienst zu erweisen. Ihm zu helfen, liebevoll und sanft über die „Regenbogenbrücke“ zu schreiten, ist ein so großer Liebesbeweis!

Aktiv Abschied nehmen
Bei so etwas Traurigem, wie einer Euthanasie, will ich bestimmt nicht das Wort „Vorteil“ gebrauchen, aber ich erlebe doch immer wieder in der Praxis, dass Tierbesitzer, deren Tier wie erhofft“ über Nacht im Körbchen eingeschlafen ist“, trotzdem völlig verzweifelt waren, weil sie ja dadurch „gar nicht richtig hätten Abschied nehmen können“.
Aktives Abschiednehmen kann für uns Menschen so wichtig sein – und vielleicht erleichtert diese Vorstellung ja doch den schweren Schritt zur Euthanasie ein wenig.

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