Kryptorchismus - „Verborgenhodigkeit“ beim Rüden

Bei der Geburt eines männlichen Hundewelpen liegen seine Hoden noch geschützt in der Bauchhöhle. Von dort aus wandern sie normalerweise innerhalb der ersten 6-8 Lebenswochen durch den Leistenkanal in den Hodensack. Man bezeichnet dies als „Hodenabstieg“ - lat. Descensus testis. In der Regel ist dieser Vorgang nach spätestens 3 Monaten abgeschlossen. Wenn der Hodenabstieg nach sechs Monaten immer noch nicht bzw. noch nicht vollständig stattgefunden hat, spricht man von Kryptorchismus, auf deutsch „Verborgenhodigkeit“. Die Veranlagung dazu ist erblich. Kryptorchismus ist daher sowohl aus gesundheitlicher als auch aus züchterischer Sicht von Bedeutung. Es können alle Hunderassen betroffen sein. Allerdings tritt Kryptorchismus bei kleinen Rassen am häufigsten auf - reinrassige Rüden leiden zehnmal häufiger als Mischlingsrüden darunter.

Normale Hodenentwicklung:
Die Hoden entstehen in der embryonalen Entwicklung in der Nähe der Nieren. Etwa in der Mitte der Trächtigkeit beginnt dann der Abstieg der Hoden in den Hodensack. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist jeder Hoden über ein sogenannte „Hodenleitband“ mit dem Hodensack verbunden. Durch die Verkürzung des Bandes unter Einfluss männlicher Geschlechtshormone startet der Abstieg der Hoden in den Hodensack. Zum Zeitpunkt der Geburt liegen die Hoden beim Hund zwar noch in der Bauchhöhle, aber schon in Nähe des Leistenkanals. Erst nach der Geburt kommt es zum vollständigen Hodenabstieg: ca. am 5. Tag nach der Geburt erfolgt die Passage durch den äußeren Leistenring, am Tag 15-17 befinden sich die Hoden auf halbem Weg in den Hodensack, wo sie ab Tag 35-40 ihre endgültige Position erreichen. Mit 61/2 Wochen ist bei 98% der Rüden der Hodenabstieg abgeschlossen - in Einzelfällen kann der Abstieg jedoch noch bis zum 6. Lebensmonat andauern. Da sich der Leistenkanal im Alter von 6 Monaten verengt, kann nach diesem Alter kein Abstieg mehr erfolgen – der Hoden passt nun von seiner Größe her nicht mehr durch den Leistenkanal.

Bei der ersten Grunduntersuchung beim Tierarzt erfolgt auch der Hoden-Check!

Kryptorchismus:
Kommt es zur Störung des Hodenabstiegs, spricht man von Kryptorchismus = „Verborgenhodigkeit“.
Kryptorchismus kann einseitig oder beidseitig auftreten.
Je nachdem wo der Hoden auf seinem Weg in den Hodensack liegenbleibt, unterscheidet man in Abhängigkeit von der Lage den abdominalen (der Hoden liegt in der Bauchhöhle) und den inguinalen (der Hoden liegt im Leistenring) Kryptorchismus.
Aus wissenschaftlichen Studien geht hervor, dass der rechtsseitige inguinale Kryptorchismus am häufigsten ist, gefolgt vom rechtsseitigen abdominalen Kryptorchismus. Dies liegt daran, dass der Weg, den der rechte Hoden zurücklegen muss, länger ist als der Weg des linken Hodens.
Als retrahierten Hoden bezeichnet man einen sogenannten Wander- oder Pendelhoden, der wie beim Nager (hier ist es allerdings normal) mal im Hodensack, mal in der Leiste oder in der Bauchhöhle liegt.
Kryptorchismus wird vererbt. Rassehunde (9,5%) sind stärker betroffen als Mischlingshunde (1,2%). Besonders häufig kommt die Erkrankung bei den Klein- und Miniaturrassen - wie Chihuahua, Miniaturpudel oder Yorkshire Terrier – vor. Bei großen Rassen sind gehäuft Boxer und Deutsche Schäferhunde betroffen.

Ursachen:
Die Ursachen des Kryptorchismus können anatomisch begründet sein (zu großer Hoden, zu enger Leistenkanal, zu kurzer Samenstrang, Verklebungen) oder auf einer hormonellen Fehlsteuerung im Gehirn beruhen. Bei einseitigem Kryptorchismus verläuft die körperliche und sexuelle Entwicklung normal. Kryptorchide Hoden sind zur Hormonproduktion befähigt, die Spermienproduktion läuft jedoch nicht vollständig ab, so dass beidseitig kryptorchide Rüden unfruchtbar sind. Einseitig kryptorchide Rüden sind zwar fruchtbar, sollten im Hinblick auf die Vererbbarkeit der Erkrankung aber auf keinen Fall zur Zucht verwendet werden.

Diagnostik:
Bei Welpen sind die Hoden im Vergleich zur Körpergröße sehr klein, weich und frei beweglich. Gut genährte Welpen zeigen zudem Fetteinlagerungen im Hodensack, die mit Hoden verwechselt werden können. All dies erschwert die Diagnosestellung. Es ist daher ratsam, Welpen erst zwischen der 6. und 12. Lebenswoche auf Kryptorchismus zu untersuchen. Eine vorläufige Diagnose kann gestellt werden, wenn die Hoden innerhalb von 8 Wochen nicht abgestiegen sind, zur Diagnosesicherung empfiehlt sich die Nachuntersuchung nach dem 6. Lebensmonat.
Inguinal gelegene Hoden kann man eventuell durch die Haut fühlen, bei abdominalen ist dies in der Regel nicht möglich. Oft lassen sich kryptorchide Hoden aber mittels Ultraschalluntersuchung lokalisieren.

Schaut uns nicht so an – bei uns sind beide Hoden dort, wo sie hingehören!

Bedeutung des Kryptorchismus:
Wissenschaftliche Studien zeigten ganz klar, dass Kryptorchismus eine angeborene, erbliche Erkrankung ist (der Erbgang erfolgt autosomal rezessiv und polygen). Somit hat die Erkrankung sowohl gesundheitliche als auch züchterische Konsequenzen für einen Rüden.
Gesundheitliche Konsequenzen
Normalerweise liegen die Hoden außerhalb der Körperhöhle im Hodensack, da sie für ihre optimale Funktionsfähigkeit und Gesundheit eine etwas geringere Temperatur als die zentrale Körpertemperatur benötigen. In der Bauchhöhle oder im Leistenspalt gelegene Hoden haben es somit zu warm, wodurch die Hoden mit zunehmendem Lebensalter zur tumorösen Entartung neigen. Bei abdominal gelegenen Hoden kommt es vor allem zur Ausbildung von sogenannten Sertolizelltumore, die solche Mengen an Östrogenen produzieren können, dass schwere Komplikationen die Folge sind (siehe Artikel „Hodentumor beim Rüden“). Ein weiteres Risiko bei abdominal gelegenen Hoden stellt die Hodentorsion (Hodendrehung) dar. Hierbei stranguliert sich der Hoden selbst - sind auch Darmschlingen beteiligt, kann es zusätzlich zum Darmverschluss kommen. Betroffene Tiere stellen einen akuten Notfall dar und müssen sofort operiert werden.
Züchterische Konsequenzen
Da nachgewiesen wurde, dass Kryptorchismus häufig auch mit anderen angeborenen Defekten wie z.B. Patellaluxation (Luxation der Kniescheibe), Hüftgelenksdysplasie und Nabelbrüchen einhergeht, sollte bei dieser Erkrankung der züchterische Aspekt unbedingt berücksichtigt werden. D.h., mit kryptorchiden Rüden sollte nicht gezüchtet werden, um derartige genetische Defekte nicht weiterzuvererben. Das Gleiche sollte für die Eltern des betroffenen Rüden gelten. Und auch die Geschwister können Träger dieser Gene sein.
Seit vielen Jahren ist Kryptorchismus daher beispielsweise ein vorrangiges Selektionskriterium in der Boxerzucht.

Therapie:
Bei Welpen kann bis zum ca. 6. Lebensmonat versucht werden, mit einer Hormontherapie den Hodenabstieg noch zu provozieren. Die Erfolgschancen sind allerdings als gering einzustufen.
Gelingt der Hodenabstieg nicht oder ist das Tier ohnehin älter, ist die chirurgische Entfernung der Hoden das einzig Ratsame. Da bei einseitig kryptorchiden Rüden auch der im Hodensack gelegene Hoden ein deutlich höheres Tumorrisiko hat, sollte immer eine vollständige Kastration durchgeführt werden. Die Entfernung der Hoden muss nicht umgehend im Welpenalter durchgeführt werden, sollte aber in den ersten drei Lebensjahren erfolgen, um einer möglichen Entartung zuvorzukommen.
Die operative Verlagerung des Hodens aus der Bauchhöhle oder dem Leistenspalt in den Hodensack ist aus zuchthygienischen Gründen abzulehnen, außerdem bleiben solche Hoden auch nach dem Abstieg unterentwickelt.

Prognose:
Werden kryptorchide Hoden entfernt, bevor es zur Tumorbildung kommt, ist die Prognose sehr gut. Betroffene Hunde haben eine normale Lebenserwartung. Hat sich bereits ein Hodentumor gebildet, hängt die Prognose von der Art des Tumors und möglicher Metastasen ab.

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