Diabetes mellitus - wenn Hund und Katze zuckerkrank sind

Enormer Durst, häufiges Wasserlassen, Heißhungerattacken, Abnehmen trotz großem Appetit – dies können Anzeichen für die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus sein, einer hormonell bedingten Stoffwechselstörung mit ernsthaften Folgen, die sich heute jedoch gut nachweisen und behandeln lässt.


Teil 1: Bedeutung, Diabetesformen, Symptome + Diagnosestellung

Was bedeutet „zuckerkrank“? 

Die tägliche Nahrung von Hund, Katze wie auch des Menschen wird im Darm erst in ihre
Einzelbestandteile zerlegt, bevor sie im Körper verwertet werden kann. Kohlenhydrate
werden vorwiegend zu Glukose (kleine Zuckerbausteine) abgebaut, die dann aus dem Darm
resorbiert wird, d.h. sie gelangt ins Blut. Glukose ist der Hauptenergielieferant für die
einzelnen Zellen und damit für den gesamten Organismus. Um diesen Energielieferanten in
die Zelle zu bekommen, wird ein Hormon benötigt, das in der Bauchspeicheldrüse produziert
wird: Insulin. Insulin bindet sich an die Zelle und öffnet sie für Glukose, dient also sozusagen
als „Türöffner“. Ist kein oder zu wenig Insulin vorhanden, kann Glukose nicht in die Zellen
aufgenommen werden und reichert sich im Blut an. Zuviel Glukose im Blut bedingt dann die
Zuckerkrankheit Diabetes mellitus.

Einige Hunderassen scheinen ein erhöhtes Risiko für Diabetes mellitus zu besitzen – zu ihnen zählen die Retriever.

Wie macht sich Diabetes bei Tieren bemerkbar?
Befindet sich zu viel Glukose im Blut, beginnen die Nieren, die überschüssige Glukose
auszuscheiden. Zuckerbausteine treten in den Urin über und ziehen Wasser mit sich.
Zuckerkranke Tiere produzieren daher große Mengen Urin. Um den Flüssigkeitsverlust zu
kompensieren, trinken sie wiederum große Mengen Wasser.
Zusätzlich fressen betroffene Tiere vermehrt, um ihren Energiebedarf zu decken. Da die
Nahrung aber nicht richtig verwertet wird, nehmen erkrankte Hunde und Katzen trotzdem ab.

Wer erkrankt?
Etwa 1% der Hunde und Katzen in Deutschland sind zuckerkrank – Tendenz steigend.
Diabetes mellitus, auch Hyperglykämie genannt, ist damit eine der häufigsten endokrinen, also hormonell bedingten, Erkrankung bei Hund und Katze. Es erkranken Tiere jeden Alters und
Geschlechts. Allerdings tritt die Erkrankung vornehmlich im mittleren bis fortgeschrittenen
Alter auf, unkastrierte Hündinnen erkranken viermal häufiger als Rüden, bei den Katzen sind
häufiger kastrierte Kater und vor allem übergewichtige Tiere betroffen (70-80% der
diabetischen Katzen sind übergewichtig!).
Einige Hunderassen scheinen ein erhöhtes Risiko für Diabetes mellitus zu besitzen, z.B.
Alaskan Malamute, Beagle, Chow Chow, Dackel, Pudel, Retriever, Samojede, Spitz, West
Highland White- und CairnTerrier , Zwergschnauzer. Bei Katzen vermutet man ein erhöhtes
Diabetes-Risiko bei Burma-Katzen.
Auch erbliche Faktoren, andere Krankheiten und Umwelteinflüsse (z.B. Stress) spielen bei
der Entstehung von Diabetes mellitus eine Rolle.

Welche Diabetesformen gibt es?
Bei unseren Hunden und Katzen gibt es wie bei uns Menschen 2 Formen von Diabetes
mellitus:

1. Typ-1-Diabetes: Hier bildet die Bauchspeicheldrüse überhaupt kein Insulin =
absoluter Insulinmangel. Insulin muss von außen zugeführt werden, damit der Patient
überleben kann. Diese Diabetesform wird auch als Insulin-abhängiger Diabetes
bezeichnet. Ursache für die fehlende Insulinproduktion ist eine autoimmune
Zerstörung der insulinproduzierenden ß-Zellen der Langerhans-Inseln der
Bauchspeicheldrüse. Die Ursachen hierfür sind nicht vollständig geklärt – Basis ist
vermutlich eine genetische Disposition, der Ausbruch dann durch nicht sicher
bekannte äußere Faktoren wie infektiöse, toxische oder entzündliche Schädigungen
bedingt. Es kommt dadurch zu einer Antikörperbildung gegen verschiedene ß-
Zellkomponenten, die vom Immunsystem fälschlicherweise als „fremd“ eingestuft
werden, und schließlich zu einer Zerstörung dieser insulinproduzierenden ß-Zellen.

2. Typ-2-Diabetes: Die Bauchspeicheldrüse produziert zwar Insulin, aber entweder nicht
genug (=relativer Insulinmangel) oder die Wirkung des Insulins ist beeinträchtigt, d.h.
die Zellen zeigen eine verringerte Sensibilität gegenüber Insulin. In diesem Fall
spricht man von einer Insulinresistenz oder von einem Insulin-unabhängigem
Diabetes. Der Typ-2-Diabetes beruht auf einem noch ungeklärten genetischen
Rezeptordefekt, wodurch die Sensitivität der Zellen für Insulin herabgesetzt ist. Neben
genetischen Faktoren spielen das Geschlecht, Hormone, bestimmte Medikamente und vor allem Bewegungsmangel und Übergewicht eine Rolle.

Beim Hund handelt es sich in den meisten Fällen um einen Typ-1-Diabetes, also um einen
absoluten Insulinmangel aufgrund unzureichender Insulinsynthese.
Anders verhält es sich bei der Katze und uns Menschen – hier liegt meistens ein Typ-2-
Diabetes vor.

3. Eine Sonderform stellt der Typ-3-Diabetes dar. Diese Diabetesform wird sekundär durch
eine andere Grunderkrankung ausgelöst, wie eine Entzündung oder ein Tumor der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis bzw. Pankreastumor), Morbus Cushing (Unterfunktion der Nebennieren), eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) oder eine übersteigerte Ausschüttung des Wachstumshormons (Hypersomatotropismus). Auch kann das Trächtigkeitsschutzhormon Progesteron bei der Hündin nach der Läufigkeit und während der Trächtigkeit einen progesteroninduzierten Läufigkeits- bzw. Trächtigkeitsdiabetes auslösen. Zusätzlich können sogenannte diabetogene Medikamente einen sekundären Diabetes verursachen (z.B. Kortisonpräparate, Medikamente zur Läufigkeitsunterdrückung).

Wird der sekundäre Diabetes rechtzeitig erkannt und die Grunderkrankung
erfolgreich therapiert, normalisiert sich die Insulinproduktion wieder – andernfalls entwickelt
sich ein bleibender Diabetes, der nicht mehr reversibel ist.


Symptome der Zuckerkrankheit
Welche Diabetesform vorliegt, ist für die Symptome egal, denn der Effekt ist erst einmal der
Gleiche:
Nach der Mahlzeit flutet Zucker im Blut an, kann jedoch nicht in die Zellen eingeschleust und
verbrannt werden und es entsteht ein Energiedefizit. Die Tiere haben dadurch ein ständiges
Hungergefühl, fressen mehr (Polyphagie), nehmen trotzdem ab und ihr Allgemeinzustand
verschlechtert sich zusehend, da der Körper nicht in der Lage ist, die zugeführte Energie zu
verarbeiten. Der Blutzuckerspiegel steigt weit über den Normalwert von 100mg/dl (7mmol/l)
an. Sobald die Glukoseschwelle der Niere überschritten wird, erfolgt eine Ausscheidung mit
dem Urin (Glukosurie). Mit der überschüssigen Glukose wird vermehrt Wasser mit dem Urin
ausgeschieden (Polyurie), so dass eine Dehydratation (Austrocknung) einsetzt, die durch
vermehrte Wasseraufnahme wettgemacht wird (Polydypsie). Das Durstgefühl wird durch die
erhöhte Blutviskosität noch verstärkt, da der Körper versucht, sein eingedicktes Blut zu
verdünnen. Der überschüssige Zucker im Urin hat der Krankheit auch ihren Namen gegeben:
lateinisch mellitus = mit Honig versüßt, griechisch Diabetes = Durchfluss. Nicht nur der
Kohlenhydratstoffwechsel, sondern auch der Fett- und Eiweißstoffwechsel sind bei der
Zuckerkrankheit durch den Insulinmangel beeinträchtigt. So können durch eine Entgleisung
des Fettstoffwechsels saure Reste, sogenannte Ketonkörper, entstehen, die sich im Blut
ansammeln und zu schweren, lebensbedrohlichen Vergiftungserscheinungen (diabetische
Ketoazidose) führen können. Massive Verschiebungen im Elektrolythaushalt, Erbrechen,
Durchfall, Geschwüre der Maulschleimhaut, Harnwegsinfektionen, Dehydratation, erhöhte
Thromboseneigung, trockenes, stumpfes Fell, Linsentrübung (diabetischer Katarakt beim
Hund), Lebervergrößerung und –verfettung, Ikterus (Gelbsucht), allgemeine Schwäche,
Lethargie, erhöhte Infektanfälligkeit und Lähmungserscheinungen der Hintergliedmaßen
(„bärentatziger“ Gang - v.a. bei Katzen) und des Schwanzes sind weitere Folgen eines
krankhaft erhöhten Blutzuckerspiegels. Die klinischen Symptome können bis hin zum
diabetischen Koma und frühzeitigen Tod des Tieres führen.

Diagnose
Durch die typischen Symptome des Diabetes mellitus hat der Tierarzt sehr schnell einen
Verdacht. Zur sicheren Diagnosestellung wird dann der erhöhte Glukosespiegel im Körper
gemessen. Dazu gibt es 3 Möglichkeiten, die meist kombiniert werden:
− Glukosemessung im Blut
− Fruktosaminmessung im Blut
− Glukosemessung im Urin
Da vor allem Katzen zu einem stressbedingten Anstieg des Blutzuckerspiegels neigen, ist
neben der Glukosemessung die Bestimmung des Fruktosaminwertes sinnvoll. Diese Wert
spiegelt den Blutzuckerspiegel der letzten zwei Wochen wieder und wird daher nicht durch
Stress (Tierarztbesuch!) oder sonstige Einflüsse beeinträchtigt.
Eine Urinuntersuchung ist schon deshalb ratsam, da sich im glukosehaltigen Urin Bakterien
besonders gut vermehren und zu Harnwegsinfektionen führen können. Außerdem können
diese Bakterien später ein erfolgreiche Insulintherapie behindern.
Neben den spezifischen Parametern wird Ihr Tierarzt auch eine komplette Blutuntersuchung
veranlassen. So kann er eventuelle Grunderkrankungen ausschließen oder erkennen und die
Zusammenhänge eines Diabetes mellitus besser einschätzen und entsprechend therapieren.

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