Der Igel – richtige Pflege und Überwinterung

Tierratgeber Canosan - Informationen zum Igel
Dieser Igel ist zum Glück kräftig genug, um den kommenden Winter auch ohne menschliche Hilfe zu überstehen

Stacheligel sind mindestens seit dem späten Frühtertiär aus Eurasien nachgewiesen und zählen damit zu den ältesten Säugetieren. Sie sind nicht domestizierbar und bleiben daher Wildtiere. Hier bei uns kommt der sogenannte Braunbrustigel, Erinaceus europaeus, vor.

Igel gehören zu den besonders geschützten Tierarten. Gemäß des Bundestierschutzgesetzes von 1976 und der Naturschutzgesetze der Bundesländer darf er als ganzjährig geschütztes Tier prinzipiell nicht in Gefangenschaft gehalten werden. Die Naturschutzgesetze der Länder erlauben jedoch Ausnahmen. Danach bleibt es gestattet, verletzte, kranke oder hilflose Tiere aufzunehmen, um sie gesund zu pflegen oder aufzuziehen. Sie sind unverzüglich in die Freiheit zu entlassen, sobald sie dort wieder lebensfähig sind.

Wer einen Igel aufnimmt, übernimmt damit also eine große Verantwortung und muß zu seiner Betreuung über mehrere Monate (Spätherbst bis Frühjahr) ohne Unterbrechung und mit entsprechendem Einsatz von Arbeitszeit und Kosten bereit sein. Um die notwendige Beratung und Unterstützung zu erhalten, empfiehlt es sich, bei Tier- oder Naturschutzvereinen, Tierärzten, Gemeindeverwaltungen oder Landschaftsbehörden nach erfahrenen Igelbetreuern oder Igelstationen zu fragen.

Nur durch fachkundige Hilfe kann der Igel gedeihen und nach dem Winter im Freien überlebensfähig sein. Betreuungsversuche ohne Sachkenntnis bzw. ohne begleitende Anleitung sind unzulässig, da sie trotz gutem Willen meist mit dem oft qualvollen Tod des Igels enden. Zur artgerechten Versorgung gehört nicht nur eine artgerechte Unterbringung und Ernährung, Sauberkeit und Hygiene, sondern auch die Beseitigung von Ekto- (Zecken, Flöhe, Milben und in Wunden eventuell Fliegenlarven) und Endoparasiten (Würmer, Kokzidien) durch einen erfahrenen Spezialisten (Tierarzt, Igelstation) und die medizinische Betreuung kranker Tiere. Auch die biologischen Eigenheiten des Igels (z. B. tagsüber schlafend, nachts aktiv; Winterschläfer) sind zu berücksichtigen. Sie sehen, aktiver Tierschutz ist nicht unbedingt einfach! 

Igel werden ab Frühsommer bis Herbst mit einem Körpergewicht von ca. 20 g und einer Länge von ca. 6 cm geboren. Ein Wurf umfaßt meist 6 - 7 Junge. Die Mutter säugt sie etwa 5 Wochen bis zu einem Lebensgewicht von ca. 200 g. Danach ernähren sich die Jungigel, zunächst unter Führung der Mutter, selbst, vorwiegend von Insekten, Raupen, Engerlingen, Würmern und Schnecken. Sie sind nachtaktiv und schlafen tagsüber. Der Geruchssinn ist für Igel sehr wichtig. Eine feuchte Nase ist normal, Tröpfchen daran deuten auf rege Drüsentätigkeit hin, um die hochempfindliche Riechschleimhaut feucht zu halten. Als Dämmerungs- bzw. Nachttiere reagieren Igel sehr empfindlich auf hochfrequente Geräusche. Lärm von Werkzeugen, Geschirr, Papierreißen, Knarren, Quietschen, etc. ist für sie daher eine Qual. Im Gegensatz zu anderen Kleinsäugern ist der Igel bei Gefahr weniger fluchtbereit; er rollt sich lieber ein und stellt seine Stacheln auf. Interessante Gegenstände (z. B. Metall, Leder Textilien) werden von Igeln ausgiebig beschnuppert, beleckt und wenn möglich durchgekaut (Vorsicht mit chemisch behandelten Gegenständen, z. B. Teppiche mit Mottenschutz – Vergiftungsgefahr!). Dabei entsteht eine weiß-schaumige Speichelabsonderung, die sich der Igel seitlich in den Stachelbalg schlägt. Dieser Vorgang ist ebenso natürlich wie harmlos und hat auch, genau wie der Abwehrbiß des Igels, nichts mit Tollwut zu tun. Tollwut kommt beim Igel nur ganz, ganz selten vor. Vor dem ersten Winterschlaf sollten die Igel ein Körpergewicht von ca. 600 g haben, das viele Spätgeborene wegen Futtermangel und aus Krankheitsgründen (z.B. Wurmbefall) nicht mehr erreichen. Schon durch Zufütterung im Freien kann manchem Igel geholfen werden und eine Überwinterung in menschlicher Obhut erübrigt sich. Je nach Gesundheitszustand, Örtlichkeit und Witterung sollten ca. ab Mitte November Igel unter 500 g und ab dem Wintereinbruch Igel unter 600 g aufgenommen werden.  

Unterbringung

Igel sind wärmeliebende, ausgeprägte Individualisten und sind daher, mit Ausnahme von Jungtieren, einzeln zu halten. Sie benötigen eine gemäßigte bis warme Umgebungstemperatur (etwa 18-22°C in Bodennähe). Völlig ungeeignet, ja schädlich, sind Raumtemperaturen von 10-16°C, weil der Igel hierbei schläfrig wird und nicht mehr genügend frißt und zunimmt. Garagen und Werkräume, sowie die meisten Speicher und Keller scheiden deshalb aus. Zu berücksichtigen ist auch, daß der Igel ein nachtaktives Tier ist, das tagsüber ungestört schlafen können muß. Da sie in Freiheit in kleinen Höhlungen ruhen, ist ihnen in der Gefangenschaft ein an der Oberseite geschlossenes Kistchen oder ein fester Karton (Grundfläche ca. 25 x 30 cm, Höhe ca. 25 cm), mit seitlich ausgesägtem Schlupfloch (ca. 13 x 13 cm), zur Verfügung zu stellen. Als Einlage dienen zerknülltes Zeitungspapier und Zeitungsabrisse, als Unterlage Holz mit einer auswechselbaren Lage Zeitungspapier (Hygiene!). Als Auslauf benötigt der Igel, je nach Alter und Aktivität, mindestens 1 - 2 qm (Mindesthöhe des Geheges 45 cm). Das Gehegematerial muß geruchlos und darf nicht chemisch behandelt worden sein, sonst kann es zu Atemwegsreizungen, Kopfschmerzen und eventuell Vergiftungen kommen. Der Gehegeboden wird mit mehrlagiger Zeitung (aus hygienischen Gründen keinesfalls Heu, Stroh, Sand, Sägespäne oder –mehl verwenden) bedeckt, die täglich morgens auszuwechseln ist. Zusätzlich kann gesunden Tieren trockenes Laub angeboten werden. Bei kranken Tieren sollte die Zeitungseinlage so oft wie möglich gewechselt werden, um eine erneute Infektion oder Parasitenaufnahme zu vermeiden. Eine kleine Abteilung des Geheges wird von manchen Igeln als Kloecke benutzt, vor allem wenn dort eine Duftspur erhalten bleibt.  

Ernährung

Tagsüber schlafen Igel, deshalb sind sie erst abends nach Einbruch der Dämmerung zu füttern. Frisches Wasser sollte stets in einem standfesten Schälchen bereitstehen, niemals Kuhmilch, auch nicht verdünnt, anbieten. Die Nahrung soll vielseitig, eiweiß- und energiereich sein, sowie Ballaststoffe, Spurenelemente, Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Dosenfutter für Hunde und Katzen, Katzentrockenfutter, Rinderhackfleisch, gekochtes Hühnerfleisch, Hafer- oder Hundeflocken, Rührei, hartgekochte Eier, milder Käse, Hasel-, Walnüsse oder Pinienkerne, Rosinen (ungeschwefelt!), frisches, süßes Obst (z. B. Äpfel, Birnen, Bananen) kommen bunt kombiniert als Futter in Frage. Als Ballaststoffe zum Druntermischen eignen sich z. B. gekochte Karotten, getrocknete Garnelen und Knorpel von Hühnerknochen. Unerläßlich ist eine tägliche Zugabe von Vitaminen und Mineralstoffen, die sie beim Tierarzt z. B. in Form einer Multivitaminpaste bekommen. Zusätzlich können auch gekaufte Mehlwürmer angeboten werden. Es empfiehlt sich größere Futterportionen vorzubereiten bzw. zu kochen und dann portionsweise einzufrieren. Gesüßte oder gewürzte Speisen, Speisereste, rohe Eier oder Innereien und Schweinefleisch sind als Igelnahrung absolut ungeeignet. Stellen sie ihrem Gast das Futter auch niemals herdwarm oder kühlschrankkalt hin. Ein gesunder Igel sollte pro Woche je nach Größe ca. 50 - 80 g zunehmen (wöchentliche Gewichtskontrolle!). Ist ein Körpergewicht von ca. 800 g erreicht, kann die Futtermenge etwas reduziert werden. Übermäßiges Füttern stellt für Igel nämlich eine große Gefahr dar. Auf Grund ihrer für den Winterschlaf dienlichen Speicherfähigkeit können sie große Futtermengen zu sich nehmen. Bei Überfütterung bilden sich aber sehr bald dicke Lager von Eingeweidefett, die häufig sowohl zu Lähmungserscheinungen als auch zu fettiger Leberdegeneration führen können. Kein vorübergehend in Gefangenschaft gehaltener Igel sollte mehr als 800 - 900 g wiegen.  

Winterschlaf:

Die Winterschlafbereitschaft stellt sich bei sinkenden Außentemperaturen meist im bzw. ab Dezember ein. Bis dahin sollte ihr kleiner Gast gesund sein und mindestens 600 g wiegen. Der Aufenthaltsraum muß nun kalt sein (möglichst unter 6° C), trocken und belüftbar. Es kommen dafür derartige Keller, Speicher und wettergeschützte Plätze im Freien (Schuppen, Balkon, Terrassenecken) in Betracht. Im Freien muß die Gehegekiste ein- und ausbruchsicher sein. Für das Schlafhäuschen eignet sich entweder eine nicht imprägnierte Holzkiste (ca. 30 x 25 x 25 cm) mit möglichst abgeteiltem Eingang oder ein starker Karton, der in einen zweiten, etwa daumenbreit größeren Karton gestellt wird (Zwischenräume mit Zeitungspapier ausfüllen). Für den Winterschlaf benötigt der Igel viel Nistmaterial (geknülltes, längsgerissenes Zeitungspapier), das man ihm ins Schlafhäuschen und auch davor legt; er zieht es sich dann nach Bedarf hinein. Ist das Nest bereitet, zugezogen und auch trocken und sauber, darf der Igel nicht mehr gestört werden. Stimmen die äußeren Bedingungen und ist die Winterschlafbereitschaft vorhanden, reduziert und beendet der Igel seine Nahrungsaufnahme und Verdauung. Auch die übrigen Körperfunktionen (Atmung, Herzschläge, Körpertemperatur etc.) werden weitgehend abgesenkt. Der Igel schläft nun fest zusammengerollt und sollte ungestört bleiben. Kommt der Igel hingegen nicht zum Winterschlaf, muss er wieder warmgestellt und wie zuvor weiter betreut werden. Für gelegentliches Erwachen – Igel sind dann meist wackelig und dösig – muss im Gehege stets Wasser (Schnee) und am besten Trockenfutter bereitstehen und gegebenenfalls ergänzt bzw. ausgetauscht werden. Ob ihr Winterschläfer sein Häuschen verlassen hat, kann auch dadurch festgestellt werden, dass der Eingang durch ein Stöckchen oder etwas Küchenkrepp „verstellt“ wird, welches der Igel beim Passieren beiseite schiebt.  

Aussetzen:

Der richtige Zeitpunkt, der richtige Ort und das richtige Verfahren des Aussetzens sind von großer Bedeutung für den nachhaltigen Erfolg der Igelüberwinterung. Die Zeit zum Aussetzen ist gekommen, wenn im Frühjahr (ca. April) die Sträucher Hecken und Bäume im vorhergesehenen Aussetzgebiet ergrünt und die Nahrungstiere des Igels (Käfer, Spinnen, Würmer usw.) wieder vorhanden sind. Wildigel können dann auch schon regelmäßig beobachtet werden. Die Außentemperaturen müssen anhaltend mild sein, tagsüber 13/14° C und nachts nicht unter 8/9° C (Wettervorhersage abfragen!) Das Aussetzgelände muß Deckung und Nahrung bieten. Dazu ist der mit Sträuchern untersetzte Rand eines jungen Laubwaldes, an den größere Viehweiden (keine Mähweiden!) grenzen, besonders geeignet. Von Vorteil wäre ein Bach in der Nähe, ferner ein alter Schuppen, vielleicht Obstbäume. Nicht in Frage kommen als Igelrevier steile Hanglagen, Nadelhochwälder, Laubhochwälder ohne Unterholz, feuchte Böden, Flußufer, Überschwemmungsgebiete sowie felsige Böden oder Rekultivierungsflächen. Die Nähe von Dachsbauten und Greifvogelnestern ist ebenso zu vermeiden wie ein Gebiet, wo Gefahren drohen durch freilaufende, jagtfreudige Hunde, Abbrennen von Holz- und Reisigansammlungen (z. B. für Osterfeuer), Chemikalieneinsatz, Straßenverkehr und Bauvorhaben. Auch viel besuchte Parks, Ausflugsgebiete und Campingplätze sind kein Igelparadies. Kennt man den Fundort des Igels und sind die Bedingungen dort günstig, so kann man den Igel dort wieder aussetzen. Auskünfte über in Frage kommende Gebiete sowie eventuelle Gefährdungen können erforderlichenfalls z.B. bei Forstämtern eingeholt werden. Die überwinterten Igel sollten möglichst auf die Freiheit vorbereitet werden, z. B. durch kontrollierten Aufenthalt in geeignetem Gelände (Garten) sowie durch das Angebot von natürlicher Lebendnahrung bei der Abendfütterung. Der richtige Aussetzort ist beizeiten auszusuchen; keinesfalls sind mit dem Igel im Auto Suchfahrten zu unternehmen. Hat man mehrere Igel auszusetzen, so geschieht dies am besten paarweise. Überpopulationen sind zu vermeiden (Nahrungsmangel, Streßsituationen). Das Aussetzen selbst erfolgt nach Sonnenuntergang, indem man den Igel am vorher festgelegten Punkt in ein kleines Nest aus Laub unter tiefhängende Zweige (Hecke, Gebüsch) oder Reisighaufen setzt. Binnen kurzem sucht sich der Igel seinen Weg in die neue Freiheit. Jetzt bleibt nur noch ihm viel Glück zu wünschen! Und sie dürfen stolz auf sich sein, ihrem kleinen stacheligen Gast beim Kampf ums Überleben geholfen zu haben – er wird es ihnen bestimmt danken!

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