Cognitives Dysfunktionssyndrom – Alzheimer Demenz bei Hund und Katze

Alzheimer beim Menschen ist jedem bekannt! Aber wer weiß schon, dass es die Alzheimer Demenz auch bei unseren Hunden und Katzen gibt? Symptome wie vermehrte Müdigkeit, nachlassen des Spielverhaltens, Unsauberkeit oder nächtliche Unruhe werden schnell als Alterserscheinungen abgetan, dabei können sie erste Anzeichen für eine Demenzerkrankung bei unseren vierbeinigen Freunden sein.
Der Ausdruck „Demenz“ ist der Oberbegriff für verschiedene Erkrankungsbilder, die mit dem Verlust der geistigen Funktionen wie Denken, Erinnern und Orientierung einhergehen. Die Erkrankung „Alzheimer“ ist somit eine Unterform der Demenz. Bei uns Menschen ist sie die häufigste Form, denn rund 60 Prozent aller Demenzerkrankungen werden durch die Alzheimer Demenz hervorgerufen.
Die Alzheimer Demenz ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch das langsame Absterben von gesunden Nervenzellen im Gehirn entsteht – vor allem von Nervenzellen, die für Orientierung, Lernen, Gedächtnis und Bewusstsein zuständig sind. Gedächtnisstörungen, Orientierungsstörungen und Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur sind die Folgen. So können erkrankte Vierbeiner ängstlich oder aggressiv werden, sich selbst in der eigenen Wohnung verlaufen, ihren Futternapf nicht mehr finden oder vergessen, wozu das Lieblingsspielzeug gut ist.
Benannt wurde die Erkrankung nach dem deutschen Neurologen Dr. Alois Alzheimer, der die Krankheit 1906 zum ersten Mal beschrieb, nachdem er im Gehirn einer verstorbenen Patientin charakteristische Veränderungen (Eiweißablagerungen) festgestellt hatte. Die erste Erwähnung der Alzheimer Demenz beim Hund liegt nun auch schon über 60 Jahre zurück. Im Fokus steht die Erkrankung aber erst seit etwa 10 Jahren. Entsprechend neu sind die Untersuchungsergebnisse und viele Fragen müssen noch geklärt werden.
Beim Hund wird die Alzheimer Demenz auch CDS (cognitive dysfunctional syndrom) oder Kognitives Dysfunktionssyndrom genannt, da der Verlust an kognitiven Fähigkeiten zu den typischen Symptomen führt. Die kognitiven Fähigkeiten des Tiers beschreiben seine Fähigkeit, Signale aus der Umwelt wahrzunehmen und weiterzuverarbeiten.

Wer erkrankt?
CDS kann jeden Hund und jede Katze treffen – unabhängig von Rasse und Geschlecht!
Der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Alzheimer Demenz ist das Alter!
Der Bundesverband für Tiergesundheit verweist auf eine Studie, nach der 20% der Hunde über 9 Jahre und 68% der Hunde über 15 Jahre unter dem Cognitiven Dysfunktionssyndrom leiden. Bei den Katzen zeigen 50% der Tiere über 15 Jahre entsprechende Symptome.

Was führt zum Absterben der Nervenzellen im Gehirn?
Bereits Alois Alzheimer, der Entdecker der Erkrankung, stellte pathologische Eiweißablagerungen im Gehirngewebe fest. Diese Eiweißablagerungen sind seither intensiv untersucht worden. Dabei wurden ungewöhnliche Eiweiße sowohl in den Nervenzellen gefunden, als auch außerhalb. In den Nervenzellen lagern sich Eiweiß-Faserbündel, sogenannte Tau-Proteine (Phospho-Tau-Protein) ab. Dadurch kommt es in den betroffenen Zellen zu erheblichen Störungen, die letztendlich ein Absterben der Nervenzellen zur Folge haben. Auch außerhalb der Nervenzellen verklumpen in den Zellzwischenräumen und innerhalb einiger Blutgefäße Eiweiße zu sogenannten Amyloid-Plaques (Beta-Amyloid-Fibrillen). Dies führt unweigerlich zur Hemmung der Energie- und Sauerstoffversorgung der betroffenen Gehirnteile, wodurch das Absterben von Nervenzellen fortschreitet. Durch das Fehlen der Nervenzellen kommt es zusätzlich zu einem Mangel an Botenstoffen, mit deren Hilfe Nervenzellen Informationen untereinander austauschen (Signalübertragung). Besonders stark sind die Nervenzellen betroffen, die den Botenstoff Acetylcholin benutzen. Sie sind vor allem für das Erinnern, das Denken, das Lernen und die räumliche Orientierung zuständig. Durch den Verlust an Nervenzellen und Botenstoffen können eintreffende neue Sinneseindrücke nicht mehr richtig verarbeitet und mit dem bereits Gelernten nicht mehr sinnvoll verknüpft werden. Im Krankheitsverlauf nimmt die Hirnmasse durch das Absterben von Nervenzellen immer mehr ab, es kommt zur Hirnatrophie.
Vereinfacht ausgedrückt: Man kann sich das Gehirn als großes System von Häusern (Nervenzellen) und schnellen Straßen (Nervenzellkontakte - Nervenfasern) vorstellen. Auf dem stark verzweigten Staßennetz werden Informationen mittels Autos (Botenstoffe wie Acetylcholin) rasend schnell von Haus zu Haus transportiert, wo sie verarbeitet, verknüpft und weitergeleitet werden. Außerdem wird den Häusern zur Erhaltung des Systems ununterbrochen Nahrung geliefert und Abfall- und Schadstoffe abtransportiert. Vermüllen nun die Häuser und Verstopfen die Straßen durch Eiweißablagerungen, die nicht beseitigt werden können, kommt das gesamte System zum erliegen – die Nervenzellen vermüllen, verhungern, verlieren untereinander den Kontakt, sind massiv oxidativem Stress ausgesetzt und sterben nach und nach ab. Und auch die Nervenzellkontakte gehen zugrunde.

Wie äußert sich CDS – Symptome?
Alzheimer-Patienten weisen eine Reihe typischer Veränderungen in ihrem Gehirngewebe auf. An erster Stelle ist dabei der Verlust von Nervenzellen zu nennen, der sich je nach Krankheitsstadium auf bis zu 20% aller Zellen belaufen kann. Zusätzlich ist der Signalaustausch zwischen den verbliebenen Nervenzellen gestört. Beide Effekte zusammen, Zelluntergang und gestörte Funktion, führen zum Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit, mit ihren typischen Folgen. Welche Symptome auftreten und in welchem Ausmaß hängt dabei ganz stark vom Individuum und dem Schweregrad der Erkrankung ab. Die häufigsten Symptome sind:

Wenn sich ein Tier auf einmal nicht mehr für seinen Zweibeiner interessiert, könnte dies an Anzeichen für Alzheimer Demenz sein.

Desorientierung
Die Orientierungslosigkeit kann sich ganz unterschiedlich äußern: Das Tier wandert ziellos umher, starrt ins Leere oder eine Wand an, erkennt ihm bekannte Personen, Tiere oder Gegenstände nicht mehr. Oder der Vierbeiner wartet vor falschen Türen darauf, ins Freie gelassen zu werden – endlich draußen, weiß er aber gar nicht, was er dort wollte oder soll und will sofort wieder rein. Auch können normale Hindernisse wie eine Treppenstufe auf einmal unüberwindbar sein oder das Tier reagiert nicht mehr auf Zurufe oder visuelle Zeichen. Oft berichten Tierbesitzer von einem insgesamt verwirrten Eindruck bei ihrem Sorgenkind.

Veränderte Interaktion
Auch veränderte Interaktion ist ein typisches Anzeichen für CDS. Darunter fallen ein Nachlassen des Verlangens nach Zuwendung und Streicheleinheiten, eventuell wird sich Streicheleinheiten sogar entzogen, Desinteresse an Spielzeug und dem Spielen, Herrchen und Frauchen werden nicht mehr freudig begrüßt. Ganz auffallend ist auch, dass die Tiere leichter reizbar und plötzlichen Stimmungsschwankungen unterworfen sind. Hunde und Katzen bellen, knurren bzw. fauchen unerwartet Familienmitglieder an oder weichen ihnen aus, können auch spontan bissig werden bzw. kratzen oder sich ängstlich zurückziehen.

Veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus
Die Alzheimer Demenz zeigt sich auch in einem veränderten Schlafverhalten. So sind betroffene Hunde und Katzen vermehrt müde und brauchen deutlich mehr Schlaf als zuvor, was dazu führen kann, dass sie den gesamten Tag verschlafen. Umgekehrt sind sie bei Dämmerung oder in der Dunkelheit oft rastlos, wandern unruhig umher, hecheln oder winseln dabei und finden keine Ruhe. Die Ruhelosigkeit ist dabei nicht selten gepaart mit scheinbar grundlosem Bellen oder Miauen. Schlaflose Nächte machen dabei nicht nur den Kranken zu schaffen, sondern stellen auch eine große Herausforderung für die Tierbesitzer dar.

Stubenunreinheit – Vergessen von erlerntem Verhalten
Erkrankte Tiere, die zuvor stubenrein waren, werden plötzlich unsauber. Hunde signalisieren dabei nicht mehr, dass sie raus müssen und Katzen finden das Katzenklo nicht mehr und machen stattdessen irgendwo in die Wohnung. Oder sie haben vergessen, dass es so etwas wie ein Katzenklo überhaupt gibt. Auch anderes erlerntes Verhalten, wie das Hören auf seinen Namen, das Ausführen von Kommandos, bestimmte Rituale o.ä. wird durch den Verlust der Erinnerungsfähigkeit vergessen. Zusätzlich reduziert sich das Lernverhalten, so dass der Vierbeiner neue Dinge immer weniger erfassen, erlernen und behalten kann.

Veränderte Aktivität
Während sich das Spielverhalten, das Interesse an der Umgebung und der Erkundungsdrang verringern, erhöhen sich Aktivitäten wie zielloses Umherwandern oder Löcher in die Luft starren. Zusätzlich fällt ein sogenanntes repetitives Verhalten auf, d.h. eine Sache wird fast zwanghaft über einen längeren Zeitraum wiederholt – z.B. sich Belecken, im Kreis drehen, etwas Unsichtbares anbellen oder stupide vor sich hin miauen.

Ängstlichkeit
Auffallend ist eine übersteigerte Ängstlichkeit des Vierbeiners, wenn Herrchen oder Frauchen nicht im Raum sind (Tier will selbst auf die Toilette oder unter die Dusche mit) und eine erhöhte Empfindlichkeit für visuelle oder akustische Reize (Angst vor Geräuschen, Personen oder Gegenständen). Hinzu kommt die Angst vor unbekannten Orten und neuer Umgebung.

Diagnose
Da die Alzheimer Demenz schleichend beginnt und sich über Jahre entwickeln kann, zeigen sich auch die Symptome schleichend, so dass sie leicht mit normalen Alterserscheinungen verwechselt werden können. Dies macht eine eindeutige Diagnosestellung oft so schwierig. Auch braucht sie Zeit und Erfahrung! Der Tierarzt beginnt mit einer gründlichen allgemeinen Untersuchung des Tiers und einer ausführlichen Befragung des Tierbesitzers. Dabei orientiert sich der Tierarzt anhand des sogenannten DISHAA-Schemas:

D - Desorientierung
I - Interaktion, soziale Beziehungen
S - Schlaf-Wach-Rhythmus
H - Housesoiling = Verlust der Stubenreinheit und anderem erlernten Verhalten
A - Aktivität
A - Ängstlichkeit

Zusätzlich ist ein Blutbild wichtig. Möglich ist auch eine Untersuchung des Gehirns mittels MRT (Magnet-Resonanz-Tomografie), um Hinweise auf eine Demenz darzustellen.

Therapie – was kann man dagegen tun?
Heilen lässt sich das Kognitive Dysfunktionssyndrom nicht! Je früher die Krankheit allerdings erkannt und behandelt wird, desto mehr kann man den Krankheitsverlauf verzögern und somit die kognitive Verschlechterung verlangsamen und klinische Symptome verbessern. Eine Behandlung kann dabei aus folgenden Maßnahmen beruhen:
Medikamente (zur unterstützenden Behandlung von chronischen Hirnleistungsstörungen im Alter)
diätetische Behandlung (neben Medikamenten trägt eine spezielle Fütterung ganz entscheidend zur Unterstützung der Gehirnfunktion bei und wirkt dem Verlust der kognitiven Fähigkeiten entgegen)
Verhaltenstherapeutische Unterstützung (mentale Stimulation, Anreicherung der Umwelt)


Tiere mit CDS vergessen das Alltägliche - dieser Cocker weiß aber ganz genau, wo die herrlich duftenden Hundekekse entstehen.


Diätetische Behandlung - Spezialfuttermittel
Aktuelle Forschungen haben gezeigt, dass bestimmte Komponenten des Hundefutters positive Auswirkungen auf die Gehirnfunktion und die kognitiven Fähigkeiten haben können. Basierend auf den Erkenntnissen intensiver Forschung über das Gehirn des Hundes gibt es mittlerweile ein Futtermittel, das speziell für die Bedürfnisse bei CDS entwickelt wurde: Unter normalen Umständen ist Glucose die Hauptenergiequelle des Gehirns und auch sehr wichtig für die Gehirnentwicklung. Durch die Alzheimer Demenz und die damit verbundenen Veränderungen im Gehirn, steht den Nervenzellen aber nicht genügend Glucose zur Verfügung – sie würden verhungern. In dieser Situation ist es wichtig, dass dem Gehirn Energie aus anderen Quellen zur Verfügung steht, wie z.B. aus mittelkettigen Triglyceriden (MKT). Mittelkettige Triglyceride können gut über den Verdauungstrakt aufgenommen und in der Leber zu Ketonkörpern umgebaut werden. Die Ketonkörper aus der Leber passieren leicht die Blut-Hirn-Schranke, wo sie als alternative Energiequellen genutzt werden können. Neben ausreichend mittelkettigen Triglyceriden enthält dieses Spezialfutter eine ausgewählte Kombination von Nährstoffen, die alle den Stoffwechsel des Gehirns unterstützen (Arginin, die Fettsäuren EPA + DHA, Antioxidantien in Form von Vit.C, Vit.E + Selen, B-Vitamine).

Verhaltenstipps für den Tierbesitzers
Ganz wichtig im Umgang mit einem demenzkranken Tier ist Geduld! Bringen Sie viel Verständnis für Ihren Hund oder Ihre Katze auf. Geben Sie Ihrem Tier das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Eine gewohnte Umgebung und wenig Stress sind hier besonders wichtig. Ebenso eine feste Tagesroutine, um die Orientierungslosigkeit nicht noch zu verstärken.
Trotzdem sollte man die Tiere regelmäßig geistig auslasten und für mentale Stimulation sorgen (z.B. neue Wege beim Spazierengehen, neue Kommandos, Futterspielzeuge).
Da erkrankte Vierbeiner oft gerade nachts unruhig werden, bellen oder miauen und keine Ruhe finden, sind hier Rituale besonders wichtig: Richten Sie ihrem Tier ein gemütliches Lager in einem sicheren Raum her (nichts, wo man herunterfallen oder sich einklemmen kann, nichts, wodurch das eventuell orientierungslose Tier in eine hilflose Situation kommen kann). Lassen Sie ein kleines Nachtlicht brennen, das nimmt die Angst vorm Alleinsein und hilft sich besser zu orientieren. Stellen Sie Futternäpfe und Katzenklo in die Nähe des Liegeplatzes, damit das verwirrte Tier gar nicht groß suchen muss. Und praktizieren Sie jeden Abend die gleiche Bettgangroutine mit Ihrem Vierbeiner – das gibt ihm Sicherheit und Ihnen hoffentlich den nötigen Schlaf.

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